Im Beitrag Google mischt den Hörbuch-Markt auf habe ich beklagt, dass Audible bei der Literatur zum Hören derart dominant ist – und im Nerdfunk habe ich diesbezüglich nachgedoppelt. Ich mag Audible, auch wenn es Dinge gibt, die mich stören. Das grösste Problem ist, dass der einheimische Buchmarkt völlig aussen vor bleibt, wenn man seine Bücher bei der Amazon-Tochter kauft. Das finde ich schade, weswegen ich mir schon überlegt habe, zum Spartarif von Orell Füssli zu wechseln. Aber da ich vor allem englischsprachige Hörbücher höre, ist das Angebot im Vergleich zu Audible.com bislang nicht ansatzweise konkurrenzfähig.

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Sie ist ein Hörbuch-Fan und hätte gerne, dass auch das einheimische Buchgewerbe auf seine Kosten kommt. (Bild: Kaboompics/Karolina/pexels.com, CC0)

Vor Kurzem ist Google ins Hörbuchgeschäft eingestiegen. Wenn ich dort einkaufe, nützt dem Schweizer Buchhandel leider auch nichts. Das soll mich aber nicht daran hintern, die Hörbücherabteilung des Play-Store einmal näher anzusehen. Auffällig ist: Google streicht hervor, dass sein Angebot ohne Abo funktioniert. Das ist natürlich gegen Audible gemünzt, wo man Bücher zwar auch einzeln erweben kann, man aber mit der Nase aufs Abo gestossen wird.

Das Angebot macht einen etwas zusammengewürfelten Eindruck. Es gibt zum Start eine Handvoll mit stark vergünstigten Hörbüchern. In dieser Auswahl findet man Dinge wie «Der Bergkristall» von Adalbert Stifter, «Die Betrogene» von Charlotte Link, «Die fünfte Frau» von Henning Mankell oder «Der Spion, der aus der Kälte kam» von John le Carré. Die meisten Produktionen sind gekürzt, was wahrscheinlich nicht an Google, sondern an den deutschen Hörbuchverlagen liegt, die während der CD-Ära die Bücher oft zusammengestrichen haben. Das ist leider ein dicker Negativpunkt: Bei Audible.com gibt es die allermeisten Titel ungekürzt.

Man kann das Angebot nach Genre erschliessen, wobei man unter «Krimis & Thriller» die üblichen Verdächtigen vorfindet: Dan Brown, Jo Nesbø, Sebastian Fitzeck, Jussi Adler-Olsen – und all die Werke, die auch im Bahnhofskiosk zuvorderst liegen. Meine Stichproben mit den zuletzt von Audible gekauften Büchern sind leider unerfreulich: Casino Royale von Ian Fleming gibt es als E-Book für 10 Franken, aber nicht als Hörbuch. Artemis von Andy Weir fehlt auch, ebenso Paradox Bound von Peter Clines und Underground Airlines von Ben Winters.

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Die Wiedergabe eines Buchs ist im Browser…

Erhältlich ist immerhin «Sleeping Beauties» von Stephen und Owen King, sogar in zwei Varianten, einmal von Hodder & Stoughton, ein zweites Mal von Simon and Schuster, aber beide Male von Marin Ireland gelesen und mit einem Preis von 29.95 Franken. Da verstehe einer die Buchverlage. Auch bei Origin von Dan Brown wird man fündig.

Das Einkaufen ist im Fall von Das schwarze Messer von Andreas Eschbach problemlos. Bei Nele Neuhaus’ Im Wald komme ich nicht weiter, weil der Knopf «Hörbuch für 8.99 Fr. statt 17.90 Fr.» sich nicht betätigen lässt. Er springt hin und her, wenn man ihn anklicken will. Naja, vielleicht sind die Sonderangebote nur zum Ansehen, aber nicht zum Kaufen gedacht.

Nach dem Kauf kann man sein Buch im Browser oder in der App Play Books (kostenlos für iPhone/iPad und Android) anhören. Eine Downloadmöglichkeit habe ich nicht gefunden. Die App erlaubt die Anpassung der Wiedergabegeschwindigkeit. Den Sleep Timer, der hier für die Android-Version beschrieben ist, habe ich bei der iPhone-Version der App nicht gefunden.

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… und in der App möglich.

Fazit: Die Preise sind ganz okay – zumindest jetzt am Anfang, wo es noch viele Sonderaktionen gibt. Wo sich der Standardpreis nach dem Start einpendeln wird, muss man abwarten. Doch über alles gesehen ist Google für Hörbuch-Fans im Moment keine Alternative zu Audible: Die Auswahl ist vergleichsweise bescheiden und macht einen zufälligen Eindruck. Das Büchersuche macht bei der Amazon-Tochter viel mehr Spass; die automatischen Vorschläge sind zwar nicht über alle Zweifel erhaben aber besser als das, was einem Google so unter «Für dich empfohlen» auflistet.

Und die Google-App ist rudimentär. Klar, Googles Hörbuch-Store ist noch brandneu. Aber von jemandem wie dem übermächtigen Suchmaschinenriesen erwartet man trotzdem deutlich mehr. Immerhin synchronisiert die App die Wiedergabeposition mit dem Browser.

Der grosse Vorteil von Orell Füssli bleibt die Downloadmöglichkeit der Bücher als MP3 – das ist für jeden Literaturfreund mit einer gesunden Abneigung gegen Kopierschutzmassnahmen ein grosses Plus. Bei diesem Punkt kann Audible nicht mithalten, und Google offensichtlich auch nicht. Darum werde ich mich als nächstes vertieft mit diesem Angebot aueinandersetzen und auch eine Besprechung der Tolino-App (für iPhone/iPad und Android) bei Gelegenheit nachreichen: Versprochen!

Update vom 8. März
Hier ist der Beitrag zu Orell Füssli und der Tolino-App: Etwas dürftige Auswahl, ein bisschen wenig Herzblut